In der Infektionsforschung ist man sich weitgehend einig, dass die Störung bakterieller Kommunikationssignale eine gute Sache ist. Doch eine Studie der UNIGE und der NTU Singapur zeigt, dass dies nicht immer der Fall ist.
Ist die Blockierung des Kommunikationssystems von Bakterien immer vorteilhaft? Ein Team der UniversitĂ€t Genf (UNIGE) und der Nanyang Technological University (NTU Singapore) stellt diese in der Infektologie weit verbreitete Ansicht infrage. Bei der Untersuchung eines Bakteriums, das eine schwere Herzerkrankung verursacht, zeigen die Wissenschaftler, dass die Störung der bakteriellen Kommunikationssignale mit ungĂŒnstigen klinischen Ergebnissen fĂŒr Patientinnen und Patienten verbunden sein kann.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Bakteriums Enterococcus faecalis in einem Biofilm. Zum Zweck der Visualisierung wurde mit Gemini AI eine Pseudo-FĂ€rbung in GrĂŒn auf das Originalbild angewandt.
© Haris Antypas, Kenneth Ng Kok Fei
Diese in Nature Communications veröffentlichten Ergebnisse ebnen den Weg fĂŒr zielgerichtetere und potenziell wirksamere therapeutische Strategien gegen diese Art von Infektionen.
Die infektiöse Endokarditis ist eine schwere Infektion der Herzinnenwand, meist der Herzklappen. Sie kann durch verschiedene Bakterien verursacht werden, darunter Enterococcus faecalis, das besonders weit verbreitet ist. Diese Bakterien koordinieren oft ihr kollektives Verhalten durch einen Prozess namens Quorum Sensing, ein chemisches Kommunikationssystem, das es ihnen ermöglicht, die Anzahl der Bakterien in ihrer NÀhe abzuschÀtzen. Dank dieses Systems organisieren sie sich in dichte Ansammlungen, sogenannte Biofilme, die die Funktion der Klappen stören und gegen Antibiotika resistent sind. Die infektiöse Endokarditis ist daher mit einer hohen MorbiditÀt verbunden.
Ein Team des SCELSE - Singapore Centre for Environmental Life Sciences and Engineering der NTU, einem multidisziplinĂ€ren Forschungszentrum fĂŒr Biofilme und das Mikrobiom, und der medizinischen FakultĂ€t der UNIGE stellt nun die in der Infektologie weit verbreitete Ansicht infrage, dass die Blockierung dieses Kommunikationssystems immer vorteilhaft sei. Obwohl Quorum Sensing-Inhibitoren aktiv als Anti-Virulenz-Therapien erforscht werden, zeigt diese Studie, dass die UnterdrĂŒckung der bakteriellen SignalĂŒbertragung bei Herzinfektionen im Gegenteil kontraproduktiv sein kann, indem sie eine aggressivere Erkrankung begĂŒnstigt.
Die Wissenschaftler stellten nĂ€mlich fest, dass Enterococcus faecalis, wenn es seine FĂ€higkeit verliert, mit benachbarten Bakterien zu kommunizieren, gröĂere und widerstandsfĂ€higere Biofilme auf den Herzklappen bildet, was zu schwerwiegenderen klinischen Ergebnissen fĂŒhrt.
Diese Ergebnisse stellen eine in der Infektionsforschung populÀre Idee infrage, wonach die Blockierung des Quorum Sensing immer vorteilhaft sei.
Der Blutfluss bringt die bakterielle Kommunikation zum Schweigen
Durch die Kombination von GerĂ€ten, die den Blutfluss nachahmen, und einem Tiermodell fĂŒr Herzerkrankungen entdeckte das Team, dass der Blutfluss in den frĂŒhen Stadien der Infektion das Quorum Sensing aktiv unterdrĂŒckt. "An der OberflĂ€che der Herzklappen sind die Bakterien einem starken Blutfluss ausgesetzt", erklĂ€rt Dr. Haris Antypas, Senior Research Fellow am SCELSE, Hauptautor und korrespondierender Mitautor der Studie. "Dieser Fluss spĂŒlt die chemischen Signale weg, die die Bakterien zur Kommunikation nutzen, und hĂ€lt so das Quorum Sensing inaktiv."
Mit fortschreitender Infektion graben sich die Bakterien tiefer in die Klappenvegetationen ein, wo sie vor dem Blutfluss geschĂŒtzt sind. In diesem Stadium beobachteten die Wissenschaftler, dass das Quorum Sensing aktiviert wird und eine Bremswirkung entfaltet, die ein ĂŒbermĂ€Ăiges Wachstum der Biofilme begrenzt. Auffallend ist, dass Bakterien, die vollstĂ€ndig kein Quorum Sensing besitzen, diesen Kontrollmechanismus umgehen. In den Tiermodellen bildeten diese defizienten StĂ€mme gröĂere Biofilme, zeigten eine erhöhte Toleranz gegenĂŒber Antibiotika und verursachten eine schwerere Erkrankung.
Das Team fĂŒhrte diesen Effekt auf zwei SchlĂŒsselmechanismen zurĂŒck: eine reduzierte Produktion bakterieller Proteasen â Enzyme, die Proteine abbauen â und eine metabolische Umprogrammierung, die es den Bakterien ermöglicht, die im Wirt verfĂŒgbaren NĂ€hrstoffe effizienter zu nutzen und so ein persistierendes Wachstum anzutreiben.
UngĂŒnstigere Ergebnisse bei Betroffenen
Die Studie analysierte auch E.faecalis-Bakterien, die von Patientinnen und Patienten mit infektiöser Endokarditis in den USA und der Schweiz isoliert wurden. Fast die HĂ€lfte der klinischen Isolate wies kein Quorum Sensing auf. Diese FĂ€lle waren mit einem lĂ€nger anhaltenden Vorhandensein von Bakterien im Blutkreislauf trotz aktiver Antibiotikabehandlung verbunden. "Es handelt sich nicht um seltene Mutanten", betont Dr. Antypas. "Sie sind hĂ€ufig bei Patientinnen und Patienten anzutreffen, und die Daten deuten darauf hin, dass sie aktiv zu ungĂŒnstigeren klinischen Ergebnissen beitragen können."
Diese Ergebnisse stellen somit eine in der Infektionsforschung populĂ€re Idee infrage, wonach die Blockierung des Quorum Sensing immer vorteilhaft sei. "Die Ergebnisse zeigen, dass bei der infektiösen Endokarditis die Hemmung des Quorum Sensing dem Wirt tatsĂ€chlich schaden kann, indem sie das Wachstum von Biofilmen fördert", erklĂ€rt Kimberly Kline, ordentliche Professorin am Departement fĂŒr Mikrobiologie und Molekulare Medizin der medizinischen FakultĂ€t der UNIGE und Gastwissenschaftlerin am SCELSE (NTU), Seniorautorin und korrespondierende Mitautorin der Studie. "Zu verstehen, wann und wo die bakterielle Kommunikation fĂŒr die Patientin oder den Patienten vorteilhaft oder schĂ€dlich ist, wird fĂŒr die Entwicklung intelligenterer Therapien von entscheidender Bedeutung sein."