📜 4.000 Jahre alte Tontafeln sprechen von Magie und... Bürokratie

Veröffentlicht von Adrien,
Quelle: Hidden Treasures: Die Keilschriftsammlung des Nationalmuseums
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In den Depots des Dänischen Nationalmuseums schlummerten jahrtausendealte Tontafeln mit eingravierten Zeichen.

Heute offenbaren diese Überreste der Keilschrift eine überraschende Dualität: Einerseits Könige, die Zauberformeln nutzten, um ihre Autorität zu festigen, andererseits bescheidene Buchhalter, die Bierlieferungen verzeichneten. Dieser Kontrast zeigt, wie frühe organisierte Gesellschaften bereits das Heilige mit dem Alltäglichen verbanden.

Ein Forscherteam des Museums und der Universität Kopenhagen hat im Rahmen des Projekts "Hidden Treasures" die gesamte Sammlung entziffert, analysiert und digitalisiert. Unter den Texten finden sich medizinische Rezepte, persönliche Briefe, magische Rituale und Königslisten. Diese Vielfalt offenbart die Bandbreite der Aktivitäten der mesopotamischen Zivilisationen, vom heutigen Syrien bis in den Irak.


Bildnachweis: Troels Pank Arbøll

Besonders selten sind die Tontafeln aus der syrischen Stadt Hama, die in den 1930er Jahren ausgegraben wurde. Die meisten wurden von den Assyrern nach der Zerstörung der Stadt im Jahr 720 v. Chr. fortgeschafft, aber einige verblieben am Ort. Eine davon enthält ein Ritual gegen Hexerei, das den König vor Unglück wie politischer Instabilität schützen sollte. Diese Praxis dauerte die ganze Nacht, bei der Wachs- und Tonfigürchen verbrannt wurden.

Dieses Ritual war eng mit dem assyrischen Hof verbunden, was Archäologen überrascht: Wie konnte eine solche Tafel so weit vom Machtzentrum entfernt landen? Hama lag in der Peripherie des Reiches, weit entfernt von kulturellen Hauptstädten wie Babylon. Der Fund zeigt, dass diese magischen Glaubensvorstellungen weit über die königlichen Kreise hinaus bis in die entlegensten Gebiete des kontrollierten Territoriums zirkulierten.

Die Sammlung enthält auch eine Kopie einer berühmten Königsliste, die aus einer Zeit vor der Sintflut stammt. Dieses Dokument erwähnt legendäre und historische Herrscher, darunter den berühmten Gilgamesch. Für die Forscher ist dies ein weiterer Beweis dafür, dass dieser epische Held tatsächlich existiert haben könnte. Das dänische Museum wusste nicht, dass es diesen seltenen Text besaß.

Andere Tafeln aus den Ausgrabungen von Tell Shemshara im Irak geben Einblicke in den administrativen Alltag. Sie enthalten Korrespondenz zwischen einem lokalen Führer und einem assyrischen König um 1800 v. Chr. sowie Listen von Gütern und Personal. Eines der erstaunlichsten Dokumente ist eine schlichte Quittung für Bier – ein Beleg dafür, dass Bürokratie bereits in sehr konkreter Form existierte.

Diese Entdeckungen zeigen, dass die Keilschrift, die vor etwa 5.200 Jahren entstand, eine zentrale Rolle bei der Organisation der ersten Stadtstaaten spielte. Mit ihrer Hilfe konnten Herrscher regieren, Steuern erfassen, aber auch ihre Glaubensvorstellungen und Rituale festhalten. Die Digitalisierung dieser Tafeln ermöglicht es heute, einen wenig bekannten Teil der Menschheitsgeschichte zu bewahren und zu erforschen.