Die berühmte Tasse starken Kaffees, Symbol des Erwachens für Millionen von Menschen, könnte bald ihr Rezept ändern. Australischen Forschern ist es gelungen, einen perfekt authentischen Espresso mit Wasser bei Raumtemperatur und Schallwellen herzustellen. Schluss mit der Notwendigkeit, Wasser unter Druck zum Kochen zu bringen: Die Wissenschaft eröffnet den Weg zu einer energieeffizienteren Extraktion.
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Der traditionelle Espresso basiert seit über einem Jahrhundert auf einem unveränderlichen Prinzip: auf 94 Grad Celsius erhitztes Wasser fließt durch fein gemahlenen und unter einem Druck von neun Bar festgedrückten Kaffee. Obwohl dieser Prozess schnell ist, bleibt er energieintensiv, da die Maschinen ständig große Mengen heißen Wassers bereithalten, selbst in Phasen der Inaktivität. Das Team der University of New South Wales in Sydney fragte sich, ob diese Hitze wirklich notwendig ist. Ihre im Journal of Food Engineering veröffentlichte Antwort überrascht durch ihre Kühnheit und Effizienz.
Schallschwingungen zur Aromaextraktion
Das entwickelte System ersetzt Druck und Temperatur durch Ultraschalltechnologie. Ein Wandler, ein kleines Metallgerät, vibriert gegen die Wand des Siebträgers, der den gemahlenen Kaffee enthält. Diese für das menschliche Ohr unhörbaren Schwingungen breiten sich durch das Wasser und die Kaffeepartikel aus. Sie erzeugen ein Phänomen namens akustische Kavitation: Mikrobläschen entstehen und kollabieren mit rasender Geschwindigkeit, wodurch Mikrostrahlen entstehen, die wie Bürsten wirken. Diese winzigen Kräfte zerkleinern die Oberfläche des Korns und beschleunigen die Freisetzung von Aromastoffen, Ölen und Koffein.
Die Extraktion erfolgt so in zwei bis drei Minuten mit Wasser bei Raumtemperatur, ohne externe Wärmequelle. Das Endgetränk erreicht eine mit einem klassischen Espresso vergleichbare Konzentration, mit einem Gesamtfeststoffgehalt von ca. 10 %. Die Forscher optimierten mehrere Parameter, darunter den Mahlgrad und das Wasser-Kaffee-Verhältnis, um dieses Ergebnis zu erzielen. Eine sorgfältige Einstellung erwies sich als notwendig, um die Aromen auszugleichen, ohne das Getränk zu verwässern.
Erhebliche Energieeinsparung
Der auffälligste Aspekt dieser Innovation ist ihre Energieeffizienz. In einem Vergleichstest über zwanzig Minuten, in dem drei Espressi zubereitet wurden, verbrauchte das Ultraschallsystem nur etwa 24 % der Energie einer herkömmlichen Maschine. Diese Reduzierung um 75 % erklärt sich durch das Fehlen eines Kessels und der Temperaturhaltung. Für den Hausgebrauch mag der Gewinn bescheiden erscheinen, im industriellen Maßstab nimmt er jedoch eine ganz andere Dimension an.
Hersteller von Fertiggetränken, die jährlich Millionen Liter Kaffee produzieren, könnten von erheblichen Einsparungen profitieren. Das kalt gewonnene Konzentrat kann direkt in Rezepturen eingearbeitet oder leichter transportiert werden und eröffnet so eine schlankere Logistik. Diese Spur interessiert insbesondere die wachsenden Märkte für Milchgetränke und Eiskaffee.
Geschmackstest von Verbrauchern bestätigt
Die technische Leistung allein reicht nicht: Das Ergebnis muss den Gaumen überzeugen. Die Forscher führten daher eine Blindverkostung mit rund hundert regelmäßigen Kaffeetrinkern durch. Die Teilnehmer bewerteten vier verschiedene Getränke auf einer Neun-Punkte-Skala nach Aroma, Geschmack, Bitterkeit und Gesamteindruck. Es wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen traditionellem Espresso und seiner Ultraschallversion bei allen Kriterien festgestellt. Die Verkoster konnten sie nicht unterscheiden, und es zeigte sich keine ausgeprägte Präferenz.
Für Filterkaffee fiel das Ergebnis sogar zugunsten der Ultraschallmethode aus, die als angenehmer bewertet wurde. Chemische Analysen bestätigten diese Eindrücke: Die Gehalte an Koffein und Chlorogensäure, einer Verbindung, die die Bitterkeit beeinflusst, waren bei beiden Verfahren gleich. Farbe und Säure lagen ebenfalls im gleichen statistischen Bereich, was die Glaubwürdigkeit des Ansatzes untermauert.
Zu berücksichtigende Grenzen
Diese Innovation bleibt jedoch auf das Labor beschränkt. Der Prototyp verwendet Papierfilter, die den Öl- und Schwebstoffgehalt im Vergleich zu einem über ein Metallsieb gefilterten Espresso verändern können. Zudem fanden die Verkostungen bei Raumtemperatur statt, was von den üblichen Bedingungen abweicht, bei denen Kaffee heiß serviert wird. Die Forscher betonen, dass die Temperatur die Aromawahrnehmung stark beeinflusst.
Die Studie untersuchte auch nicht die Wirkung verschiedener Röstprofile oder Herkunft der Bohnen auf den Prozess. Die langfristige Reproduzierbarkeit und die Anpassung an größere Produktionsmengen müssen noch nachgewiesen werden. Trotz dieser Vorbehalte eröffnet dieser Fortschritt einen vielversprechenden Weg, um die Zubereitung unseres täglichen Kaffees neu zu denken, indem er Genuss und Energieeffizienz vereint.