Lange Zeit ging man davon aus, dass Ceratopsier (gehörnte Dinosaurier mit Schnäbeln wie der berühmte Triceratops) nicht in Europa lebten, was auf den Mangel an entdeckten Fossilien zurückzuführen war. Die Ergebnisse aktueller Forschungen zeigen nun das Gegenteil. Tatsächlich bewohnten diese Dinosaurier sehr wohl die Inseln des prähistorischen Europas, doch ihre Identität wurde mit der der Rhabdodontiden verwechselt.
Um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen, wurde eine eingehende Analyse von Fossilien wie dem des in Ungarn entdeckten Dinosauriers Ajkaceratops mit neuen Technologien durchgeführt. Bislang blieb die Klassifizierung dieses Exemplars ungewiss, da die gefundenen Fossilien auf Schnauzenfragmente beschränkt waren. Doch der Einsatz der Computertomographie ermöglichte es den Forschern, die innere Schädelstruktur genauer zu untersuchen. Die Form des Schnabels und des Gaumens erlaubte die Bestimmung als Ceratopsier. Diese Entdeckung ermöglichte auch die Neuinterpretation anderer europäischer Fossilien.
Rekonstruktion des möglichen Aussehens von Ajkaceratops kozmai. Originalillustration von Matthew Dempsey.
Die enthĂĽllte Anatomie: Der Beweis durch Knochen und Bildgebung
Die in Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass mehrere Fossilien, die einer endemischen europäischen Gruppe, den Rhabdodontiden, zugeschrieben wurden, tatsächlich zur Familie der Ceratopsier gehören. Dies gilt auch für einen Dinosaurier aus Rumänien, der früher Zalmoxes genannt wurde. Die Untersuchung seiner Schädel- und Zahneigenschaften ermöglichte seine Neueinordnung und Umbenennung in Ferenceratops. Diese Identifizierung korrigiert einen jahrzehntealten Kategorisierungsfehler.
Es muss gesagt werden, dass der Unterscheidungsprozess zwischen diesen pflanzenfressenden Gruppen komplex ist: Wie die Autoren erklären, teilen sich Ceratopsier und Iguanodontier einen gemeinsamen Vorfahren und haben unabhängig voneinander ähnliche Anpassungen entwickelt, wie etwa eine vierfüßige Fortbewegung und ausgeklügelte Kaumechanismen. Diese konvergenten Entwicklungen machen es schwierig, isolierte Knochenteile sicher zuzuordnen.
Die Bestätigung der Anwesenheit von Ceratopsiern in Europa trägt zu einem besseren Verständnis ihrer Verbreitung über die nördliche Hemisphäre bei. Die ersten Mitglieder dieser Gruppe traten in Asien auf, bevor sie weiterzogen. Die geografische Lage Europas machte es zu einem plausiblen Migrationsweg.
Die Auswirkungen auf das Ökosystem der späten Kreidezeit
Die besondere Geografie Europas zu dieser Zeit, zersplittert in einen Archipel aus Inseln mit flachen Meeren, beeinflusste wahrscheinlich die Evolution seiner Ceratopsier. Die identifizierten Arten, wie Ajkaceratops, waren im Vergleich zu ihren später aus Nordamerika eingewanderten riesigen Verwandten von geringerer Größe. Das Leben in Isolation auf Inseln könnte sowohl ihre abweichende Morphologie als auch die anfängliche Seltenheit ihrer Fossilien, die oft auf wenige Fragmente beschränkt sind, erklären.
Das Vorhandensein von Ceratopsiern, die möglicherweise andere Ernährungsweisen und Verhaltensmuster als die Rhabdodontiden aufwiesen, deutet auf eine komplexere Biodiversität und mehr Wechselwirkungen hin als bisher angenommen. Die Studie weist zudem auf die Bedeutung von Sammlungen und der Überprüfung von Exemplaren mit Hilfe der nun verfügbaren neuen Technologien hin. Viele Fossilien, die vor Jahrzehnten gesammelt und katalogisiert wurden, wurden möglicherweise falsch identifiziert und haben potenziell noch Informationen für uns preiszugeben.