đŸ‘ïž Das Sehen könnte das Gehirn der Primaten geprĂ€gt haben

Die Entwicklung des Gehirns der Primaten scheint nicht in erster Linie auf einem eigenstÀndigen Wachstum des Frontallappens beruht zu haben, der hÀufig mit höheren kognitiven Funktionen in Verbindung gebracht wird.

Eine in Science veröffentlichte Studie bringt die Ausdehnung des Neokortex stĂ€rker mit den an der visuellen Wahrnehmung beteiligten Regionen in Verbindung. Fossilien liefern dabei ein entscheidendes Element, da sie es ermöglichen, diese VerĂ€nderung ĂŒber heute ausgestorbene Entwicklungslinien hinweg zu verfolgen.

Der Neokortex ist die Ă€ußere Schicht des Gehirns, die an zahlreichen sensorischen, motorischen und kognitiven Funktionen beteiligt ist. Bei Primaten nimmt er einen bedeutenden Raum ein. Dennoch bleibt es schwierig festzustellen, welche Bereiche seine Ausdehnung im Laufe der Evolution vorangetrieben haben, insbesondere wenn nur fossile SchĂ€del zur VerfĂŒgung stehen.

Um diese EinschrÀnkung zu umgehen, verwendeten die Forschenden digitale Endokaste. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Rekonstruktionen der inneren SchÀdeloberflÀche, die indirekt bestimmte Merkmale der Gehirnform bewahrt. Diese Methode ermöglicht den Vergleich heutiger und fossiler Arten, ohne dass Hirngewebe vorhanden sein muss.

Das Team untersuchte auf diese Weise, wie sich verschiedene Teile des Neokortex im VerhÀltnis zueinander entwickelt haben. Das Ergebnis entspricht nicht dem Bild eines Frontallappens, der unabhÀngig gewachsen wÀre und allein die Zunahme der kognitiven FÀhigkeiten getragen hÀtte. Die beobachteten VerÀnderungen stehen stÀrker mit den visuellen Regionen in Verbindung.

Dieser Punkt ist bei Primaten besonders bedeutsam. Ihre Evolutionsgeschichte ist durch eine starke AbhÀngigkeit vom Sehen geprÀgt, mit nach vorn gerichteten Augen und einer ausgeprÀgten Verarbeitung visueller Informationen. Das rÀumliche Sehen, das Erkennen von Objekten oder die prÀzise Steuerung der Handbewegungen erfordern die Verarbeitung zahlreicher Informationen aus den Augen.

Die Ausdehnung bestimmter visueller Bereiche könnte daher umfassendere Umstrukturierungen des Neokortex ausgelöst haben. Das Gehirn wĂŒrde sich demnach nicht wie ein Zusammensetzen völlig unabhĂ€ngiger Module entwickeln. Eine wichtige VerĂ€nderung in einem sensorischen System kann mit VerĂ€nderungen in anderen Regionen einhergehen, die mit diesem System verbunden sind.

Die Bedeutung des Frontallappens bleibt dennoch groß. Bei heutigen Primaten ist diese Region insbesondere an der Planung, der Entscheidungsfindung und der Verhaltenskontrolle beteiligt. Die Studie stellt diese Funktionen nicht infrage. Sie wendet sich vielmehr gegen die Vorstellung, dass seine unabhĂ€ngige VergrĂ¶ĂŸerung ausreiche, um die allgemeine Entwicklung des Neokortex zu erklĂ€ren.

Fossilien erfordern außerdem besondere Vorsicht. Ein Endokast gibt vor allem Aufschluss ĂŒber die Form und bestimmte an der GehirnoberflĂ€che sichtbare Grenzen. Er ermöglicht es nicht, die Zahl der Neuronen, ihre Verbindungen oder die genaue Funktionsweise jedes Bereichs direkt zu bestimmen. Die Autoren können daher anatomische ZusammenhĂ€nge auf großer Ebene untersuchen, aber nicht die HirnaktivitĂ€t eines ausgestorbenen Tieres rekonstruieren.

Als NĂ€chstes sollen diese Ergebnisse mit weiteren Fossilien und den anatomischen Daten heutiger Primaten verglichen werden. Neue Rekonstruktionen könnten insbesondere genauer bestimmen, zu welchem Zeitpunkt sich die mit dem Sehen verbundenen VerĂ€nderungen in den verschiedenen Ästen des Evolutionsbaums der Primaten herausgebildet haben.