đ§ Ohne Muskeln und Gehirn koordiniert dieses Tier dennoch seine Bewegungen, um voranzukommen
Veröffentlicht von Adrien, Quelle: CNRS INSB Andere Sprachen: FR, EN, ES, PT
Ohne Gehirn, Muskeln oder sogar Organe gelingt es dem winzigen Meerestier Trichoplax dennoch, sich bemerkenswert effizient fortzubewegen.
In einer in Current Biology veröffentlichten Studie zeigen Wissenschaftler, dass dieser Organismus in Sekundenschnelle die Ausrichtung der Strukturen neu organisiert, die das Schlagen seiner FlimmerhÀrchen steuern. Dieser Mechanismus, der durch den Einstrom von Kalzium in die Zellen ausgelöst wird, könnte eine der Àltesten Strategien der tierischen Fortbewegung sein.
Bild Wikimedia
Ein extrem einfaches Tier... aber sehr beweglich
Unter allen bekannten Tieren stellt Trichoplax eine Ausnahme dar. Dieser winzige Meeresorganismus besitzt einen Ă€uĂerst einfachen Aufbau: Er verfĂŒgt weder ĂŒber Muskeln, noch ĂŒber Organe, noch ĂŒber ein Nervensystem. Seine abgeflachte und verĂ€nderliche Form erinnert an eine Art lebenden âPfannkuchen", der sich stĂ€ndig verformen kann.
Trotz dieser offensichtlichen Einfachheit erkundet Trichoplax aktiv seine Umgebung. Er bewegt sich schnell ĂŒber den Meeresboden, Ă€ndert die Richtung und reagiert koordiniert, wenn er berĂŒhrt oder angegriffen wird. Zu verstehen, wie ein so rudimentĂ€rer Organismus solche Verhaltensweisen hervorbringen kann, stellte bislang ein RĂ€tsel dar.
Tausende von FlimmerhÀrchen zum VorwÀrtskommen
Zur Fortbewegung nutzt Trichoplax Tausende mikroskopisch kleiner FlimmerhĂ€rchen auf seiner Unterseite. Indem sie koordiniert schlagen, treiben diese vibrierenden Strukturen das Tier ĂŒber den Meeresboden, Ă€hnlich wie eine Vielzahl winziger Beinchen.
Bei den meisten Tieren, die diese Fortbewegungsart nutzen, wird die Schlagrichtung der FlimmerhĂ€rchen bereits sehr frĂŒh wĂ€hrend der Embryonalentwicklung festgelegt. Sie hĂ€ngt von kleinen Strukturen an der Basis jedes HĂ€rchens ab, den sogenannten Basalkörpern, deren Ausrichtung im Laufe des Lebens dann stabil bleibt.
In einer in Current Biology veröffentlichten Studie zeigen die Wissenschaftler, dass dies bei Trichoplax ganz anders ist.
Eine ultraschnelle Neuorganisation auf der Ebene des gesamten Organismus
Die Arbeiten zeigen, dass die Ausrichtung der Basalkörper bei Trichoplax im Gegenteil extrem dynamisch ist. Zu jedem Zeitpunkt spiegelt sie direkt die Richtung wider, in die sich das Tier bewegt.
Tritt ein mechanischer Reiz auf, etwa wenn das Tier berĂŒhrt oder verletzt wird, richten sich sĂ€mtliche Basalkörper innerhalb weniger Sekunden neu aus. Diese Neuorganisation verĂ€ndert sofort die Schlagrichtung der FlimmerhĂ€rchen und ermöglicht es dem Organismus, in die dem Reiz entgegengesetzte Richtung zu fliehen.
Die Wissenschaftler zeigen auch, dass lokale Variationen in der Ausrichtung der Basalkörper zu den schnellen FormverĂ€nderungen des Tieres beitragen. Dieses PhĂ€nomen erfordert eine bemerkenswerte Koordination zwischen Zehntausenden von Zellen, wobei jede einzelne die Ausrichtung ihrer FlimmerhĂ€rchen prĂ€zise anpasst â und das ohne die Hilfe eines zentralen Nervensystems.
Kalzium als Dirigent
Im Zentrum dieses Mechanismus steht ein bekanntes Element des Zellgeschehens: Kalzium.
Mechanische Reize fĂŒhren ĂŒber spezielle KanĂ€le in der Zellmembran zum Einstrom von Kalzium in die Zellen. Dieses Signal wirkt als Auslöser, der die Neuausrichtung der Basalkörper und damit die RichtungsĂ€nderung der ZilienschlĂ€ge einleitet.
Nach und nach breitet sich diese Neuorganisation schnell durch das gesamte Gewebe aus und ermöglicht es dem gesamten Organismus, innerhalb weniger Sekunden seine Bewegungsrichtung zu Àndern.
Wenn die Wissenschaftler den Kalziumeinstrom in die Zellen verhindern oder dieses Element nicht verfĂŒgbar machen, verliert Trichoplax diese FĂ€higkeit zur schnellen Neuausrichtung. Das Tier kann seine Bewegungen dann nicht mehr effektiv anpassen.
Ein bislang unbekannter Mechanismus im Tierreich
Ein solcher Mechanismus der schnellen Neuorganisation zellulĂ€rer Strukturen wurde bei Tieren noch nie zuvor beobachtet. Vergleichbare PhĂ€nomene waren bekannt, aber sie spielten sich normalerweise ĂŒber viel lĂ€ngere ZeitrĂ€ume ab, von mehreren Stunden bis zu mehreren Tagen.
Diese Studie zeigt somit, dass ein extrem einfacher Organismus komplexe koordinierte Verhaltensweisen ohne Gehirn oder Nervensystem hervorbringen kann. Sie wirft auch ein neues Licht auf die grundlegenden Mechanismen der Fortbewegung und auf die Strategien, die die ersten Tiere genutzt haben könnten, um mit ihrer Umwelt zu interagieren.
Im weiteren Sinne deuten diese Arbeiten darauf hin, dass einfache lokale Regeln, kombiniert mit diffundierenden physikalisch-chemischen Signalen wie Kalzium, ausreichen können, um komplexe kollektive Verhaltensweisen auf der Ebene eines gesamten Organismus zu erzeugen.