Die genaue Analyse von ĂŒber tausend menschlichen Ăberresten im Niltal hat eine bisher unbekannte Praxis enthĂŒllt: die GesichtstĂ€towierung sehr junger Kinder in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ăra. Diese Entdeckung wurde durch fortschrittliche Bildgebungstechnologien möglich. Weit davon entfernt, nur eine Anekdote zu sein, signalisiert diese Körpermodifikation eine tiefgreifende Reorganisation kultureller Codes innerhalb der mittelalterlichen nubischen Bevölkerungen.
Die in PNAS veröffentlichte Studie untersuchte menschliche Ăberreste von drei sudanesischen Fundorten: Qinifab, Semna Sud und Kulubnarti. Die Forscher verwendeten multispektrale Bildgebung, eine Methode, die Pigmente unter der OberflĂ€che alter und ausgetrockneter Haut nachweisen kann. Dieser Ansatz ermöglichte die Identifizierung von Hautmarkierungen bei Individuen, deren Alter und Status das etablierte Wissen ĂŒber prĂ€moderne Körperpraktiken in Frage stellen.
Eine innovative Technik zeigt das AusmaĂ der Markierungen
Die multispektrale Bildgebung funktioniert, indem sie die Reflexion von Licht bei verschiedenen WellenlĂ€ngen jenseits des sichtbaren Spektrums erfasst. In der ArchĂ€ologie angewendet, macht diese Technologie fĂŒr das bloĂe Auge unsichtbare Details sichtbar, wie z. B. RĂŒckstĂ€nde organischer Pigmente, die in der Haut eingebettet sind. Ihre Anwendung auf die Ăberreste im Niltal war entscheidend, um TĂ€towierungen zu erkennen, die durch Zeit und Klimabedingungen auf natĂŒrliche Weise verblasst waren.
Dank dieser Methode konnte das Team 1.048 Individuen mit bisher unerreichter Genauigkeit untersuchen. Die Ergebnisse ĂŒbertrafen die Erwartungen, indem sie bei 27 Personen, die zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert lebten, TĂ€towierungen dokumentierten â eine Zahl, die die bisher fĂŒr die gesamte Region bekannten FĂ€lle fast verdoppelt. Dieser Ansatz ergĂ€nzt frĂŒhere Studien, die oft auf isolierten und oft zufĂ€lligen Beobachtungen basierten.
Zu den tĂ€towierten Individuen gehören mehrere sehr junge Kinder, darunter ein etwa 18 Monate altes Kind mit deutlich sichtbaren TĂ€towierspuren und ein weiteres im Alter von 7 bis 10 Monaten, bei dem noch einige Zweifel bestehen. Die Platzierung der Motive auf der Stirn und den SchlĂ€fen ist besonders auffĂ€llig. Diese Entdeckung impliziert eine absichtliche und sozial akzeptierte Praxis, die an sehr jungen Subjekten durchgefĂŒhrt wurde, was direkt nach ihren Motiven und ihrer kulturellen Bedeutung fragt.
Der Körper als Zeuge: Die Auswirkungen des Christentums auf nubische Praktiken
Vor dem 7. Jahrhundert deuten Daten darauf hin, dass TĂ€towieren in Nubien hauptsĂ€chlich erwachsenen Frauen vorbehalten war. Die dezenten, aus Punkten bestehenden Motive schmĂŒckten HĂ€nde und Unterarme und waren mit natĂŒrlichen oder identitĂ€tsstiftenden Symbolen verbunden. Das Aufkommen der christlichen Periode scheint diese Tradition radikal verĂ€ndert zu haben, indem sie den Personenkreis erweiterte und die Markierungen auf das Gesicht verlagerte.
Die FundstĂ€tte Kulubnarti, die zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert besiedelt war, veranschaulicht diesen Umbruch. Fast ein FĂŒnftel der dort ausgegrabenen Individuen trĂ€gt TĂ€towierungen, unabhĂ€ngig von Geschlecht oder Alter. Die Gesichtsmarkierungen, oft Rauten oder aus Punkten gebildete vereinfachte Kreuze, werden zu sichtbaren und ausdrucksstarken Zeichen. Diese erhöhte Sichtbarkeit deutet auf eine neue Funktion hin, die wahrscheinlich mit der öffentlichen Bekundung einer religiösen Zugehörigkeit zusammenhĂ€ngt.
Die mikroskopische Analyse der Linien zeigt auch einen technischen Wandel. Die Methoden scheinen sich von einer langsamen manuellen Punktierung zur Verwendung eines schĂ€rferen Instruments, vielleicht einer Klinge, zu entwickeln, was schnellere Anwendungen ermöglicht. Diese VerĂ€nderung, die mit der Verbreitung des Christentums korreliert, deutet auf eine Anpassung des Know-hows an neue symbolische Anforderungen und eine gröĂere Anzahl zu markierender Personen hin.