Die prachtvollen Ringe des Saturn, viel jünger als gedacht, könnten ihre Existenz der Zerstörung eines urzeitlichen Mondes verdanken. Dasselbe Ereignis würde auch erklären, warum der Planet heute geneigt ist. Diese Hypothese, die auf einer wissenschaftlichen Konferenz vorgestellt wurde, bietet eine schlüssige Antwort auf zwei lange offene Fragen.
Dieser Hypothese zufolge hätte ein Mond namens Chrysalis den Saturn über Milliarden von Jahren begleitet. Vor etwa 100 Millionen Jahren hätte sich seine Umlaufbahn jedoch destabilisiert, wodurch er in einer Spirale auf den Planeten zugesteuert wäre. Die extremen Gravitationskräfte hätten dann diesen Satelliten zerrissen und seine Trümmer im Weltraum verstreut.
Die Ringe des Saturn strahlen im Infrarot - hier abgebildet von James Web. Quelle: NASA, ESA, CSA
Computersimulationen zeigen, dass bei dieser Annäherung die Gezeitenkräfte des Saturn vor allem den Eismantel der Chrysalis abrissen und ihren Gesteinskern weitgehend verschonten. Dieser Mechanismus erklärt die heutige Zusammensetzung der Ringe, die fast ausschließlich aus Wassereis bestehen und praktisch frei von Gestein sind, was den Beobachtungen entspricht.
Darüber hinaus würde auch die Neigung des Saturn von etwa 26,7 Grad durch dieses Szenario erklärt. Bisher wurde sie einer gravitativen Resonanz mit Neptun zugeschrieben.
Die anderen Monde des Saturn, wie Titan, haben ebenfalls die Entwicklung der Ringe beeinflusst. Ihre Gravitationskräfte haben im Laufe der Zeit wahrscheinlich bis zu 70 % der ursprünglichen Masse der Ringe beseitigt. So muss der ursprüngliche Ring wesentlich massereicher gewesen sein als der, den wir heute sehen.
Heute fragen sich Wissenschaftler nach dem Schicksal des verbliebenen Kerns der Chrysalis und suchen nach Spuren dieses Ereignisses auf anderen Saturnmonden. Künftige Missionen könnten ungewöhnliche Einschläge entdecken und neue Beweise liefern, um die gesamte Geschichte zu rekonstruieren.
Diese Theorie stützt sich auf frühere Arbeiten, insbesondere auf eine Studie, die 2022 in Science veröffentlicht wurde und die bereits die Rolle der Chrysalis hervorgehoben hatte. Die jüngsten Modellierungen präzisieren die Bildungsmechanismen und untermauern die Plausibilität dieses Ursprungs für die Ringe.