Ihr Gehirn analysiert Sprache auch unter Vollnarkose weiter: Das zeigt eine Studie, die in
Nature von Forschern des Baylor College of Medicine veröffentlicht wurde. WĂ€hrend jedes Bewusstsein ausgeschaltet ist, setzt unser Denkorgan seine Arbeit fort: Es entschlĂŒsselt Wörter und antizipiert die kommenden. Eine Entdeckung, die die Vorstellung infrage stellt, dass Bewusstsein fĂŒr die Sprachverarbeitung unerlĂ€sslich ist.
Das Team zeichnete die AktivitĂ€t von Hunderten einzelner Neuronen im Hippocampus auf, einer fĂŒr das GedĂ€chtnis wichtigen Region. Diese Messungen wurden mit Neuropixels-Sonden durchgefĂŒhrt, einer Technologie, die zuvor in dieser Gehirnregion noch nie eingesetzt wurde. Die Patienten unter Narkose wurden Tönen und dann kurzen Geschichten ausgesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Neuronen des Hippocampus auf Reize reagieren und sich im Laufe der Zeit anpassen.
In einem ersten Test hörten die Teilnehmer wiederholte Töne, die gelegentlich von einem anderen Ton unterbrochen wurden. Die Neuronen des Hippocampus konnten diese ungewöhnlichen Töne identifizieren, und ihre Reaktionen wurden mit der Zeit stĂ€rker. Dieses PhĂ€nomen zeigt, dass das Gehirn die FĂ€higkeit zum Lernen behĂ€lt, selbst ohne Bewusstsein. Die Forscher bezeichnen diese neuronale PlastizitĂ€t als ĂŒberraschend, da sie bisher mit Wachheit assoziiert wurde.
Das folgende, ehrgeizigere Experiment bestand darin, kurze Geschichten abzuspielen. Der Hippocampus erwies sich als fĂ€hig, Sprache in Echtzeit zu verarbeiten. Die Muster der neuronalen Aktivierung zeigten eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Wortarten wie Nomen, Verben und Adjektiven. DarĂŒber hinaus antizipierte das Gehirn die kommenden Wörter â ein Vorhersagemechanismus, von dem man glaubte, dass er dem Wachzustand vorbehalten sei.
Diese Beobachtungen definieren die Rolle des Bewusstseins neu. Laut den Forschern erfordern FÀhigkeiten wie SprachverstÀndnis und Vorhersage kein Bewusstsein. Dieses könnte eher auf einer breiteren Koordination zwischen mehreren Gehirnregionen beruhen. Die AktivitÀt des Hippocampus allein reicht nicht aus, um Bewusstsein zu erzeugen, aber sie zeigt, dass fortgeschrittene kognitive Prozesse im Hintergrund ablaufen.
Die Ăhnlichkeiten mit kĂŒnstlicher Intelligenz sind auffĂ€llig. Die FĂ€higkeit des Gehirns, Wörter vorherzusagen, Ă€hnelt der Funktionsweise groĂer Sprachmodelle. Diese Ergebnisse könnten unser VerstĂ€ndnis biologischer und kĂŒnstlicher Systeme der Informationsverarbeitung verbessern. Sie eröffnen auch den Weg zu assistiven Technologien, wie etwa Sprachprothesen fĂŒr Menschen, die nicht sprechen können.
Die Wissenschaftler bleiben vorsichtig. Die Ergebnisse betreffen nur eine Art von Narkose und eine einzige Gehirnregion. Andere bewusstlose ZustĂ€nde wie Schlaf oder Koma könnten sich anders verhalten. Dennoch zwingt diese Studie dazu, die Grenze zwischen Wachheit und Bewusstlosigkeit zu ĂŒberdenken. Das Gehirn vollbringt viel mehr ohne unser Wissen, als wir uns vorstellen.