In den trockenen Landschaften des äthiopischen Afar-Dreiecks könnte eine Reihe von 3,4 Millionen Jahre alten Knochenfunden unser Verständnis der menschlichen Ursprünge erschüttern.
Jüngste Entdeckungen, das Ergebnis von über einem Jahrzehnt sorgfältiger Ausgrabungen, zwingen dazu, den Platz der ikonischen Lucy und ihrer Art, Australopithecus afarensis, neu zu überdenken. Sie war bei weitem nicht der einzige Vertreter der menschlichen Abstammungslinie zu dieser Zeit und teilte sich ihren Lebensraum offenbar mit anderen Homininen, die unterschiedliche Lebensweisen pflegten.
Ungefähre Rekonstruktion eines Weibchens (links) und eines Männchens (rechts) von Australopithecus afarensis im Naturhistorischen Museum Wien
Diese Neubewertung stützt sich auf die endgültige Zuordnung eines rätselhaften Fossils, des "Burtele-Fußes", zur Art Australopithecus deyiremeda. Dieser in Nature veröffentlichte Fortschritt wirft ein Licht auf eine bisher unbekannte Vielfalt im Pliozän. Er legt nahe, dass mehrere evolutionäre Wege gleichzeitig beschritten wurden, was die einst gezogenen direkten Linien zwischen den Vorfahren verwischt. Selbst der aufrechte Gang, ein grundlegendes Merkmal, zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen, die jeweils an verschiedene Umgebungen und Verhaltensweisen angepasst waren.
Eine unerwartete Koexistenz, die durch die Anatomie enthĂĽllt wird
Die Region Woranso-Mille ist eine paläontologische Fundstätte von großer Bedeutung, denn sie liefert den greifbaren Beweis, dass zwei nahe verwandte Homininen-Arten zur gleichen Zeit im selben Raum koexistierten. Der Burtele-Fuß mit seiner opponierbaren Großzehe und langen, gebogenen Zehenknochen weist eine grundlegend andere Anatomie auf als der von Lucy. Während der Fuß von A. afarensis an ein effizientes Gehen auf dem Boden mit einer ausgerichteten Großzehe angepasst ist, bewahrte der Fuß von A. deyiremeda eine Greiffähigkeit, die von einer teilweise baumbewohnenden Lebensweise geerbt wurde.
Dieser morphologische Unterschied deutet auf unterschiedliche Fortbewegungsstrategien hin. A. deyiremeda praktizierte wahrscheinlich eine gemischte Fortbewegung, lief auf dem Boden, kletterte aber auch mit einer Leichtigkeit in Bäume, die Lucy verloren hatte. Beim zweibeinigen Gehen stieß er sich vermutlich stärker von seiner zweiten Zehe ab, ein Mechanismus, der sich von dem des modernen Menschen unterscheidet. Dieses "Experimentieren" zeigt, dass der Übergang zu einem ausschließlichen aufrechten Gang ein langer und nicht linearer Prozess war.
Digitale Rekonstruktion eines juvenilen Unterkiefers basierend auf Mikrotomographien. Rekonstruktion von Ragni und Schwartz/Nature.
Die Analyse der mit dem Fuß assoziierten Zähne und Kiefer untermauert diese Unterscheidung. Die Eckzähne von A. deyiremeda sind kleiner und sein Unterkiefer zeigt primitivere Merkmale als der von A. afarensis. Die Entdeckung eines juvenilen Kiefers ermöglichte es mittels Mikrotomographie, die Zahnentwicklung zu untersuchen. Das beobachtete Wachstumsmuster, ähnlich dem von Menschenaffen und anderen Australopithecinen, bestätigt seinen Status als eigenständige Art mit einer eigenen Biologie.
Ă–kologische Nischen zur Vermeidung von Konkurrenz
Das längere Nebeneinander dieser beiden Arten in einem Ökosystem impliziert, dass sie nicht in direkter Konkurrenz um dieselben Ressourcen standen. Isotopenanalysen des Zahnschmelzes liefern eine klare Antwort. Die Ernährung von Australopithecus deyiremeda bestand hauptsächlich aus Pflanzen vom C3-Typ, die von Waldbäumen und -sträuchern stammten, wie Früchte und Blätter. Lucy und ihre Artgenossen hingegen konsumierten eine vielfältigere Mischung, die auch Gräser und Seggen (C4-Pflanzen) umfasste, die für offenere Lebensräume typisch sind.
Diese Nahrungsspezialisierung spiegelt eine Aufteilung des Lebensraums wider. A. deyiremeda bewegte sich bevorzugt in dichteren, bewaldeten Umgebungen, nutzte das Blätterdach zur Nahrungssuche und wahrscheinlich auch zur Fortbewegung. A. afarensis hingegen nutzte ein breiteres Spektrum an Lebensräumen, einschließlich buschbestandener Savannengebiete. Diese ökologische Differenzierung ermöglichte es beiden Linien, das Territorium zu teilen, ohne sich gegenseitig zu verdrängen, und veranschaulicht ein grundlegendes Prinzip der Evolutionsbiologie.
Diese Entdeckungen stellen den Status von Lucys Art als direkter Vorfahrin, der ihr lange zugesprochen wurde, in Frage. Die Anwesenheit von A. deyiremeda mit seinen primitiveren, älteren Arten wie A. anamensis näherstehenden Merkmalen verkompliziert den Stammbaum. Es erscheint plausibel, dass mehrere Zweige der Australopithecinen parallel gediehen und dass unsere Abstammungslinie von einem dieser Zweige abstammt, nicht unbedingt von dem, den Lucy repräsentiert. Die evolutionäre Landschaft erscheint nun eher als ein verzweigtes Gebüsch.