Eine vor etwa 11.000 Jahren in Stein gravierte Szene zeigt einen Menschen in einer höchst ungewöhnlichen Position gegenüber einem Raubtier.
Die Skulptur wurde gerade in Karahantepe im Südosten der Türkei nahe Şanlıurfa entdeckt. Sie ist etwa 70 cm hoch und stellt eine sitzende Person auf dem Rücken eines Leoparden dar. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus gab ihre Entdeckung am 25. August 2026 nach den diesjährigen Ausgrabungen an der Stätte bekannt.

Eine 11.000 Jahre alte Skulptur, die eine Person auf einem Leoparden reitend darstellt.
Der Ort ihrer Entdeckung trägt zu ihrer Bedeutung bei. Archäologen fanden sie auf einer Bank entlang der Wand eines Bauwerks mit einem Durchmesser von etwa 3 m. Der Boden dieser kleinen Struktur war mit flachen Steinen bedeckt. Nach Angaben des Ministeriums befand sich das Objekt noch an der Stelle, an der es vor Jahrtausenden zurückgelassen worden war.
Um ihr Alter zu verstehen, muss man zu den Anfängen des Neolithikums zurückgehen, lange vor den ersten Städten und der Schrift. Karahantepe gehört zu einer Gruppe prähistorischer Stätten in der Region Şanlıurfa. Das berühmte Göbekli Tepe befindet sich in derselben Region. An diesen Orten wurden zahlreiche Steinbauten und Darstellungen von Menschen oder wilden Tieren entdeckt.
Die neue Skulptur zeichnet sich vor allem durch die Position der beiden Figuren aus. Menschen und Großkatzen waren in der regionalen prähistorischen Kunst bereits miteinander verbunden worden. In Karahantepe zeigt ein weiteres bekanntes Werk sogar eine Person, die einen Leoparden auf dem Rücken trägt. Hier ist die Anordnung umgekehrt: Der Mensch befindet sich über dem Tier.
Der Leopard war für die Menschen jener Zeit zudem kein unbedeutendes Tier. Dieses große Raubtier lebte in der Region und erscheint auf mehreren neolithischen Werken. In Sayburç, einer weiteren nahe gelegenen Stätte, verbindet eine bereits zuvor entdeckte geschnitzte Szene unter anderem einen Mann und zwei Leoparden. Das wiederholte Auftreten dieser Raubkatze deutet darauf hin, dass sie in den Darstellungen dieser Gemeinschaften einen besonderen Platz einnahm.
Was die neue Szene bedeutet, bleibt offen. Kein Text kann die Antwort liefern, da diese Bevölkerungsgruppen noch nicht über Schrift verfügten. Der Archäologe Jens Notroff vom Deutschen Archäologischen Institut bringt unter anderem eine mögliche Verbindung zu Stärke, Mut oder der Beherrschung eines gefährlichen Tieres ins Gespräch. Er war nicht an den Ausgrabungen beteiligt und stellt diese Ansätze als Interpretationen, nicht als Gewissheiten, vor.
Diese Vorsicht ist umso wichtiger, da das angegebene Alter weiterhin nur ungefähr ist. Nach der Entdeckung befragte Fachleute betonen, dass ihre Datierung in wissenschaftlichen Veröffentlichungen besser dokumentiert werden muss. Die 2019 begonnenen Ausgrabungen in Karahantepe gehen weiter. Der genaue Kontext der Skulptur und die nächsten in dieser Struktur gefundenen Objekte könnten dabei helfen zu verstehen, warum diese Person auf einem Leoparden dargestellt wurde.