Das Wachstum unserer Haare könnte einer anderen Logik folgen als bisher angenommen. Jahrzehntelang gingen Wissenschaftler davon aus, dass Haare einfach aus dem Follikel herausgedrückt werden. Eine kürzlich veröffentlichte Studie stellt diese Sichtweise radikal in Frage, indem sie einen aktiven Zugmechanismus nachweist.
Mithilfe einer dreidimensionalen Bildgebungstechnik, die die direkte Beobachtung beweglicher Zellen ermöglicht, verfolgten Teams von L'Oréal und der Queen Mary University of London über einen längeren Zeitraum die Dynamik menschlicher Haarfollikel in Kultur. Dieses einzigartige Beobachtungsfenster bot einen Einblick in die biologischen Prozesse.
Genetik, Hormone und Alter können das Haarwachstum beeinflussen. Illustrationsbild Pixabay
Die Beobachtungen zeigten, dass die Zellen der äußeren Wurzelscheide des Follikels abwärts gerichtete spiralförmige Bewegungen ausführen, während sie eine nach oben gerichtete Kraft erzeugen. Die Autoren vermuten, dass diese Bewegung wie ein winziger Motor wirkt und das Haar aktiv nach außen zieht. Um diese Hypothese zu bestätigen, blockierten Experimente die Zellteilung, ohne das Wachstum zu unterbrechen, während die Störung von Proteinen wie Aktin den Prozess um über 80 % verlangsamte.
Diese neue Erkenntnis über die Follikelmechanik eröffnet daher Perspektiven für das Verständnis von Haarstörungen. Sie lenkt die Forschung auf Behandlungen, die nicht nur die Biochemie, sondern auch das physikalische Umfeld ins Visier nehmen. Dieser Ansatz könnte sogar Auswirkungen auf die regenerative Medizin haben, die über den bloßen Haarausfall hinausgehen.
Die eingesetzte Bildgebungsmethode ermöglicht nun die direkte Bewertung der Wirkung von Substanzen auf lebende Follikel. Dieser Fortschritt beschleunigt die Arbeiten, indem sie ein repräsentativeres Modell für biologische Reaktionen liefert. Das Ziel ist die Entwicklung wirksamerer Therapien, die auf die inneren Kräfte des Gewebes einwirken.
Die in Nature Communications veröffentlichte Studie stellt einen bemerkenswerten Fortschritt dar. Sie regt dazu an, die Grundlagen des Haarwachstums neu zu überdenken und neue therapeutische Ansätze zu erforschen, mit potenziell weitreichenden Anwendungen für die Gesundheit.
a–c: Zellbewegungen im Haarfollikel. In verschiedenen Zonen des Follikels bewegen sich Zellen der äußeren Wurzelscheide (ORS) abwärts und drehen sich dabei um den Haarbulbus. Einige bewegen sich entlang des Follikels, andere lösen sich ab oder bewegen sich wieder aufwärts, während sie in Kontakt mit der dermalen Papille bleiben.
d: Zusammenfassendes Schema der beobachteten Bewegungen. Je nach ihrer Position bewegen sich ORS-Zellen entweder parallel zur Achse des Follikels oder senkrecht um den Bulbus herum.
e: Bewegungsgeschwindigkeit der Zellen in den verschiedenen Schichten. Das Diagramm vergleicht die Geschwindigkeiten von Zellen der Cortex-, der inneren Wurzelscheide (IRS) und der äußeren Wurzelscheide (ORS) und unterscheidet zwischen parallelen und senkrechten Bewegungen.