Eine besorgniserregende Entdeckung aus der neuesten Forschung zu Erdbeben in Südkalifornien: Die tektonischen Spannungen am Cajon Pass, einem geologischen Knotenpunkt, waren seit tausend Jahren noch nie so hoch. Dieser neuralgische Punkt, an dem sich zwei der aktivsten Verwerfungen der Region nahekommen, könnte der Ort eines schweren Erdbebens sein.
Der Cajon Pass, nordöstlich von Los Angeles gelegen, ist ein Ort, an dem sich die San-Andreas-Verwerfung und die San-Jacinto-Verwerfung gefährlich annähern. Seit dem letzten großen Erdbeben in dieser Gegend, dem Fort-Tejon-Beben von 1857, haben sich die Spannungen unablässig aufgestaut. Wissenschaftler machen sich seit Langem Sorgen über diese scheinbare Ruhe, da ihr ein großer Bruch vorausgehen könnte.
Künstlerische Darstellung einer Verwerfung, die eine Stadt in zwei Teile schneidet.
Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Liliane Burkhard von der Universität Bern hat tausend Jahre seismische Geschichte entlang dieser Verwerfungen rekonstruiert. Dazu nutzten sie ein vierdimensionales Computermodell (drei räumliche Dimensionen plus Zeit), das den Erdbebenzyklus simuliert. Durch die Integration zahlreicher Daten konnten sie die aktuellen Spannungen berechnen.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Heute haben die tektonischen Spannungsniveaus die Maxima der letzten zehn Jahrhunderte erreicht oder sogar überschritten. Auf dem Abschnitt San Jacinto-Bernardino beträgt die modellierte Spannung 3,6 MPa, ein absoluter Rekord. Auf dem benachbarten Abschnitt Mojave Süd an der San-Andreas-Verwerfung erreicht sie 2,8 MPa. Beide Verwerfungen sind also stark beansprucht, und zwar in vergleichbarem Maße.
Die Forscher führten auch ein interessantes Konzept ein: Der Cajon Pass fungiere als „seismisches Tor“. Je nach Spannungszustand könne diese Kreuzung entweder einen Bruch blockieren oder ihn von einer Verwerfung zur anderen durchlassen. 1857 war das Tor geschlossen: Das Beben stoppte am Pass. 1812 war es offen: Ein Bruch durchlief beide Systeme gleichzeitig.
Ausdehnung seismischer Brüche, die den Cajon Pass passieren oder dort stoppen, basierend auf dem maximalen Bruchmodell von Scharer und Yule (2020) und der Modellierung von Rodríguez Padilla et al. (2021). Die Farben zeigen Erdbeben mit derselben Bruchausdehnung, mit dem mittleren Alter (EC). Kleine Pfeile zeigen die Ausdehnung der Brüche über den Kartenausschnitt hinaus. Linke Einfügung: Chronologie der Ereignisse „offenes Tor“ oder „geschlossenes Tor“ am Cajon Pass, d.h. Brüche, die an der Kreuzung von MOS, Nord-San-Bernardino und San-Jacinto-Bernardino stoppen/passieren. Quelle: Journal of Geophysical Research: Solid Earth (2026). DOI: 10.1029/2025jb033213
Der entscheidende Faktor scheint die Ausrichtung der Spannungen auf beiden Verwerfungen zu sein. Wenn sie gemeinsam hohe Werte erreichen, begünstigen die Bedingungen einen gemeinsamen Bruch. Genau das passiert heute. Liliane Burkhard betont, dies sei keine Vorhersage, sondern ein Hinweis darauf, dass sich das System in einer kritischen Spannungslage befinde, was für die Risikovorsorge nützlich sei.
Ein gemeinsamer Bruch beider Verwerfungen hätte weit schwerwiegendere Folgen als ein Erdbeben auf einer einzelnen Verwerfung. Die betroffene Region umfasst Los Angeles, San Bernardino, Riverside und das Coachella Valley – dicht besiedelte Gebiete mit lebenswichtiger Infrastruktur. Autobahnen, Eisenbahnen und Energienetze durchqueren den Cajon Pass selbst. Diese Ergebnisse helfen, die in Betracht zu ziehenden Szenarien besser zu verstehen.