🏛️ Korrigieren die Linien des Parthenon wirklich optische Täuschungen?

Die berühmten Kurven des Parthenon könnten jahrhundertelang falsch erklärt worden sein.

Der griechische Tempel, der im 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen errichtet wurde, besteht nicht ausschließlich aus vollkommen geraden Linien. Seine Basis steigt zur Mitte hin leicht an. Auch seine Säulen weisen geringe Formabweichungen auf. Eine weitverbreitete Erklärung besagt, dass die Baumeister diese Abweichungen absichtlich geschaffen hätten, um unser Auge zu täuschen.

Die Idee klingt einleuchtend: Ohne diese Korrekturen würden einige gerade Linien gekrümmt oder in der Mitte abgesenkt erscheinen. Der Mathematiker Alain Goriely von der Universität Oxford wollte diese Erklärung überprüfen. Er untersuchte die angeführten visuellen Effekte und die tatsächlichen Maße des Bauwerks.

Der Parthenon heute.

Der Parthenon heute.
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Erstes Beispiel: Die Basis des Tempels steigt zu ihrer Mitte hin um etwa 6 cm an. Einer alten Theorie zufolge würde eine vollkommen waagerechte Basis in der Mitte abgesenkt erscheinen. Der Forscher fand jedoch keine überzeugenden Belege für diesen visuellen Effekt in dieser Situation. Die Krümmung des Parthenon kann daher nicht mit Sicherheit als optische Korrektur dargestellt werden.

Bei den Säulen stellt sich dieselbe Frage. Sie wölben sich ganz leicht, anstatt vollkommen gerade Linien zu bilden. Diese Abweichung beträgt nur etwa 18 mm. Aus den üblichen Beobachtungsentfernungen ist sie schwer wahrzunehmen. Auch hier ist die Täuschung, die diese Form angeblich korrigieren sollte, nicht belegt.

Eine andere Erklärung beruft sich auf eine bekannte Täuschung: Parallele Linien können gekrümmt erscheinen, wenn andere Linien sie kreuzen. Dieser Effekt hängt jedoch stark von ihrer Ausrichtung ab. Im Parthenon stehen die Säulen zu nahe an der Vertikalen, um den von dieser Theorie erwarteten Effekt hervorzurufen.

Woher stammt diese Geschichte also? Goriely führt sie unter anderem auf Vitruv zurück, einen römischen Architekten, der mehrere Jahrhunderte nach dem Bau des Parthenon schrieb. Die Erklärung wurde anschließend in zahlreichen Werken übernommen. Im 19. Jahrhundert stärkten präzise Messungen der Krümmungen des Tempels ihren Erfolg zusätzlich.

Die Studie erklärt nicht, warum die Griechen diese Formen wählten. Mehrere Gründe bleiben möglich. Eine leicht gewölbte Basis kann beispielsweise den Abfluss von Wasser erleichtern. Einige Kurven könnten auch ästhetischen oder konstruktiven Entscheidungen entsprungen sein. Da zeitgenössische Texte fehlen, die die Absichten der Baumeister erklären, bleibt diese Frage offen.